Interview: „Kandidat 38“

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dreamstime_xxl_67566868 Mit Jens Rößler, Geschäftsführer der WIR electronic GmbH 

Beim ersten World Café Unternehmensnachfolge in der TUCed am 30.03.2017 lernten wir Jens Rößler kennen, den Geschäftsführer der WIR electronic GmbH. Er übernahm ein Unternehmen aus München mit Produktion im erzgebirgischen Sayda und führt die Geschäfte nun in Chemnitz. Wie es dazu kam? Wir haben ihn gefragt.

Projekt:Nachfolge:Team: Herr Rößler, was waren Ihre persönlichen Vorgaben bei der Suche nach einem Unternehmen?
Jens Rößler: Als der Wunsch nach einer Unternehmensübernahme immer stärker wurde, war für mich auch klar, dass ich hier in der Region suchen würde. Ein Unternehmen in Sachsen sollte es sein, Umkreis max. eine Stunde Fahrzeit von Chemnitz entfernt. Ich bin hier aufgewachsen, habe hier eine Lehre gemacht und an der Universität in Chemnitz studiert. Eine Mitarbeitergröße zwischen 20 und 50 Leuten konnte ich mir vorstellen zu führen und der Umsatz sollte dazu passen.

Warum wollten Sie Unternehmer werden und wie sind Sie an das Thema Unternehmensnachfolge herangegangen?
Rößler: Mein Vater war Optiker mit einem eigenen Geschäft. Das war zu DDR-Zeiten nicht einfach und eine Nachfolge unter diesen Rahmenbedingungen war für mich damals schwer vorstellbar. Aber losgelassen hat mich das Thema nie. Ich habe erst einmal Zerspaner gelernt und später Elektrotechnik studiert, was mich zu IBM führte. 2007/2008 kam das Thema Unternehmensnachfolge immer stärker in den Fokus, die Medien machten auf den Mangel an Nachfolgern aufmerksam. Ich empfand das für mich als eine sehr überlegenswerte Option, ging zu einer Erstberatung bei der IHK und wurde auf die Plattform nexxt-change aufmerksam, wo ich mit unterschiedlicher Priorität immer wieder nach Unternehmen gesucht habe. Einige davon schaute ich mir an. Insgesamt habe ich mich wohl mit 40 bis 50 Unternehmen näher befasst. Oftmals stellte sich heraus, dass die Alteigentümer dann doch (noch) nicht loslassen wollten…
Das Schlüsselerlebnis war für mich, als mir in einer ruhigen Minute wirklich bewusst wurde, dass ich 20 Jahre bei IBM arbeitete und mir die Frage stellte, ob ich das die nächsten 25 Jahre auch weiter machen möchte.

Wie haben Sie die WIR electronic GmbH, die Sie übernommen haben, gefunden und worauf haben Sie bei der Unternehmensauswahl geachtet?
Rößler: Im März/April 2013 habe ich voller Elan alle passenden Unternehmen der nexxt-change Datenbank angeschrieben. Einige aus diesem Pool schaute ich mir tatsächlich an. Von einem Inserenten erhielt ich die Rückantwort „Hallo Kandidat 38“. Somit war klar, dass ich nicht der einzige Interessent war und dass der Übergeber auch schon länger suchte. Mit dem Eigentümer der WIR electronic traf ich mich Ende April 2013 erstmalig und irgendwie stimmte die Chemie sofort. In vielen Punkten waren wir uns recht schnell einig, auch beim Kaufpreis gab es eine rasche Annäherung. Da der Alteigentümer relativ offen mit der Nachfolgethematik umging (Anm. d. Red.: er war damals 68 Jahre alt), hat er mich bereits im Mai mit in den Produktionsbetrieb nach Sayda genommen. Die Firma hatte ihren Sitz in München, produziert wurde in Sayda.

Quelle: Firmenpräsentation WIR electronic GmbH

Das klingt nach schneller Einigung und reibungsloser Übernahme…
Rößler: Es muss eine Vertrauensbasis da sein und die gab es sofort. Jetzt ging die eigentliche Arbeit aber erst los. Schließlich hatte ich auch noch einen Fulltimejob – das heißt nach Feierabend hinsetzen und Businessplan schreiben, die Zahlen checken, alles durchrechnen, Konzepte erarbeiten.
Die Firma WIR electronic GmbH konfektioniert Kabel. Mit dem Thema Verkabelung hatte ich mich zwar bereits zu Anfang meiner beruflichen Laufbahn befasst, aber danach hatte ich 20 Jahre nichts damit zu tun. Also habe ich mich in die Branche eingearbeitet. Wie läuft die Firma, das Geschäft? Womit hebt sich die Firma von Mitbewerbern ab? Welche neuen Geschäftsfelder kann ich entwickeln?
Bei den Zahlen tun sich alle schwer. Mein Vorgänger war nicht begeistert, dass ich genaue Einsicht in die BWA* und eine (anonymisierte) Kundenliste haben wollte. Aber ich musste ja einschätzen können, ob das, was als Preis gefordert war, realistisch ist oder nicht. Unterstützung habe ich durch einen SAB-Gründercoach erhalten, der bei Schwierigkeiten auch moderierend eingegriffen hat. Über Empfehlung habe ich so auch einen guten Fachanwalt und einen geeigneten Steuerberater kennengelernt. Das passierte alles im Sommer 2013 und zog sich bis in den Oktober.

Und dann haben Sie angefangen?
Rößler: Dann habe ich meinen Job gekündigt und zum 1.2.2014 ging es los.

Aber der Alteigentümer hat Sie noch eine Weile begleitet?
Rößler: Ja, das hatten wir so vereinbart, dass er noch drei Jahre mit im Boot ist. Für mich war das eine gute Konstellation. Er kannte den Markt und die Kunden. Wir haben den Stammsitz nach Chemnitz verlegt und er hat mich hier vor Ort unterstützt. Natürlich waren wir nicht immer derselben Meinung, aber er hat sich da zurückgenommen, sagte: „…Das ist jetzt Deine Sache.“

Und wie war das dann, Chef zu sein? Wie sind Sie die ersten Monate nach der Übernahme angegangen?
Rößler: Erstmal reinhorchen ins Unternehmen. Die Mitarbeiter und Kunden kennenlernen. Das Unternehmen lief, warum sollte ich da sofort Veränderungen vornehmen? Einige Dinge mussten modernisiert werden, wie die Website, Logo, das Erscheinungsbild. In 2015 haben wir das Warenwirtschaftssystem umgestellt. Das war wichtig, da die alte Software nicht mehr supported wurde und damit angreifbar war. Dann haben wir angefangen, neue Akzente zu setzen. Seit 2016 sind wir z.B. auf der Hannover Messe als Aussteller dabei und erobern uns neue Märkte. Oder wir haben Zeitkonten für die Mitarbeiter eingeführt.

Geben Sie unseren interessierten Lesern bitte noch einen Tipp, welche Eigenschaften ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin mitbringen sollte. World Café_Jens Rößler
Rößler: Jemand der das machen will, sollte ein „Macher-Gen“ haben, Herzblut mitbringen und Ideen entwickeln. Man kann nicht alles vorher genau analysieren. Manchmal muss man Dinge einfach ausprobieren und sich auch eingestehen, wenn es dann doch die falsche Entscheidung war. Mit Leuten umgehen und zuhören zu können sind wichtige Eigenschaften. Was erzählen z.B. die Mitarbeiter, die Kunden, die Lieferanten? Außerdem halte ich es für einen Vorteil, wenn man vorher schon Führungserfahrung sammeln konnte und Geschäftsentscheidungen treffen musste.

Vielen Dank Herr Rößler für die guten Einblicke und weiterhin ganz viel Erfolg mit der Kabelfertigung ganz ohne Kabelsalat.

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Für die gelungene Unternehmensnachfolge erhielt die Firma WIR electronic GmbH den Sächsischen Meilenstein 2015: Video

*BWA = Betriebswirtschaftliche Auswertung, die sich auf die laufenden Daten aus der Finanzbuchhaltung bezieht und Aufschluss über die Kosten- und Erlössituation des Unternehmens gibt. (Anm. d. Red.)

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