Interview „Musterbuch“

28.08.14-14-08-28/ Chemnitz / Oberlichtenau / Die Cammann Gobelin Manufaktur, Oberlichtenau / OT Braunsdorf  ist ein Juwel deutscher Textiltradition mit Zukunft in Sachsen. Mit Peggy Wunderlich, seit über zehn Jahren in der Textilbranche und  ihrem Lebens
28.08.14-14-08-28/ Chemnitz / Oberlichtenau / Die Cammann Gobelin Manufaktur, Oberlichtenau / OT Braunsdorf ist ein Juwel deutscher Textiltradition mit Zukunft in Sachsen. Mit Peggy Wunderlich, seit über zehn Jahren in der Textilbranche und ihrem LebensPeggy Wunderlich und Torsten Bäz, Inhaber der Cammann Gobelin Manufaktur 

Die Textilbranche ist für Sachsen ein wichtiger Wirtschaftszweig. Laut Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. arbeiten mehr als 12.000 Menschen im Freistaat allein in dieser Branche (2017 vti e.V. Chemnitz). Viele der Unternehmen sind familiengeführt. Ein kleines Juwel fanden Peggy Wunderlich und Torsten Bäz. 2014 übernahmen sie die Cammann Gobelin Manufaktur in Braunsdorf. Ja, das klingt nach sehr historischem Bezug – im wortwörtlichen Sinne. Wer macht denn sowas in Zeiten von Digitalisierung und Wegwerf? Das mussten wir erfahren und haben das Inhaberteam gefragt.

(Die Anfahrt zum Interview im Produktionsgebäude der historischen Schauweberei Tannhauer am Zschopau-Ufer verlangsamt automatisch den Herzschlag. Es gibt Kaffee und selbstgebackenen Kuchen inmitten barockanmutender Stoffvorlagen.)

Frau Wunderlich, Herr Bäz, wie sind Sie denn auf die Ideen gekommen, eine Webstuhlfabrik zu kaufen?
Torsten Bäz: Den Wunsch nach einer eigenen Firma haben wir schon recht lange, aber der Weg zur Gobelin-Manufaktur war doch mit einigen Umwegen versehen. Unser erstes Interesse galt eigentlich einem Weinberg. Aber völlig überhöhte Preise hielten uns davon ab. 2010 haben wir uns dann ernsthaft um ein Unternehmen in der Textilbranche in Crimmitzschau bemüht. Den Hinweis auf die Cammann Gobelin-Manufaktur haben wir 2013 bekommen und ich habe mir das gleich angeschaut. Meine Frau musste ich aber tatsächlich erst noch überzeugen.

Und wie haben Sie das gemacht?
Torsten Bäz: Ich habe die Stoffe sprechen lassen. Bei einem Gespräch mit den Alteigentümern im Dezember 2013 gaben sie mir ein umfangreiches Musterbuch mit diesen herrlichen historischen, schweren Stoffen mit. Visuell und haptisch ein Erlebnis. Man bekam eine Vorstellung davon, wie luxuriös diese Stoffe auf den richtigen Möbeln und an Wänden in Schlössern etc. wirken mussten. Edle Textilien auf traditionellen Webstühlen gewebt und in Handarbeit fertiggestellt. Das konnten wir uns vorstellen, das sprach den kreativen Geist an.

Cammann_Webstuhl_Jacquard

Die Firma Cammann gehört seit 1886 zu den wichtigsten Produzenten von exklusiven und prachtvollen Geweben in Deutschland. Die aus Sachsen stammende Cammann Gobelin Manufaktur setzt auch heute noch auf Luxus. Bei Cammann werden die Stoffe auf Jacquardmaschinen, mit „Französisch-Feinstich“ Lochkarten im Rhythmus alter Tradition gewebt. Mit viel Liebe zum Detail werden ausgewählte Stoffe durch Handcoloration zu unverwechselbaren und edlen Dekorationsstoffen.

(Auszug aus der Firmenpräsentation)

Welche Eigenschaften sind Ihrer Meinung nach wichtig dafür, Unternehmer zu werden?
Peggy Wunderlich: Man braucht Leidenschaft für das selbständige Arbeiten und man muss auch alleine arbeiten wollen. Torsten Bäz ergänzt: Und kommunizieren können gehört noch dazu.

Aber fachliche Ahnung von Produkt und Markt sind doch auch nicht zu unterschätzen?
Ja, Einblicke in die Branche zu haben, erleichtert es natürlich, das Unternehmen voranzubringen.
Torsten Bäz: Ich habe viele Jahre für die Marke Gore-Tex im Bereich der Arbeitsschutzkleidung und des Projektmanagements gearbeitet. Da baut man wichtige Kontakte auf. Auch habe ich so die innovativen Entwicklungen auf dem Gebiet der technischen Textilien mitbekommen. Ab 2006 habe ich mich dann selbständig gemacht und Projekte für die Textilindustrie durchgeführt. So bin ich auch in Kontakt mit dem sächsischen Textilverband gekommen.

Und haben später über das Verbandsnetzwerk vom Verkaufswunsch der Cammann Gobelin Manufaktur erfahren. Wie lief die Firmenübertragung dann ab?
Die ersten Gespräche mit den bisherigen Eigentümern Elvira Adler und Karlheinz Otto liefen sehr positiv. Beide hatten ja im Grunde genommen den traditionellen Namen und die Maschinen aus dem Cammann Hochhaus vor der Verschrottung „gerettet“, als sie das Unternehmen 1996 übernahmen. Zwei Jahre später überführten sie die Webstühle in die Hallen der ehemaligen Möbelstoff-Weberei Tannhauer hierher nach Braunsdorf.
Bei unseren Bemühungen, ein Unternehmen zu übernehmen haben wir oft gemerkt, dass es den Alteigentümern schwerfiel, ihre Firma loszulassen. Daran scheiterten dann die Verhandlungen. Bei Frau Adler und Herrn Otto merkten wir, dass sie wirklich verkaufen wollten. Und so einigten wir uns letztlich recht schnell. Zum 30.07.2017 haben wir die Verträge unterschrieben und die Zahlungsanweisung getätigt. Somit waren wir zum 1.8.2017 die neuen Eigentümer.

Wie ist es nun, der eigene Chef bzw. Chefin zu sein mit diesem historischen Erbe und im altehrwürdigen Gebäude?
Die Stoffe unserer traditionsreichen Gobelin Manufaktur sind sehr edel. Wir verwenden viel Zeit auf die Recherche von Mustern und Garnen und der richtigen Farbauswahl. Gerade bei der Restaurierung von Wandbehängen und Wappen oder der Neubespannung von epochalen Möbeln muss sehr genau auf historische Genauigkeit geachtet werden. Bei unseren Kunden haben wir uns selber vorgestellt. Das umfasst einige Raumausstatter, aber auch Hotels und Schlösser, wie z.B. das Wasserschloß Klaffenbach. Hier gibt es sehr viel zu tun, denn wir wollen unseren Kundenkreis erhöhen und auch die Struktur der Business- und Privatkunden verändern. Der Slogan „Schöne Stoffe gibt’s bei uns“ treibt uns voran, vermehrt den Privatkunden ins Visier zu nehmen. Dafür nutzen wir auch die Möglichkeiten von Instagram und Pinterest.

Cammann_Musterruecklagen_Gewebe

Und je mehr wir dabei vorwärtskommen, umso mehr müssen wir natürlich auch intern die Prozesse strukturieren. Das Weben auf diesen Spezialmaschinen will gekonnt sein und dafür brauchen wir akribische Nachwuchskräfte, die das lernen wollen. Mit digitaler Fertigung hat das bei diesen edlen Stoffen und den auftragsbezogen kleinen Bestellmengen wenig zu tun. Andererseits schauen wir sehr genau, was sich branchenbezogen, z.B. im Bereich moderner Veredlungsmethoden oder innovativer Materialien tut. Dafür sind wir in vielen Netzwerken und an den textilen Forschungseinrichtungen aktiv.

Vielen Dank Frau Wunderlich und Herr Bäz für die Einblicke in Ihre Unternehmensübernahme und den erkenntnisreichen Ausflug in die Chemnitzer Historie der Textilweberei*.

*Die drei im BLOGbeitrag verwendeten Bilder wurden uns freundlicherweise von der Firma Cammann Gobelin Manufaktur zur Verfügung gestellt.

**Zum Nachschlagen:
Historische Schauweberei Braunsdorf – Historie
Wikipedia „Möbelstoff-Weberei Cammann & Co.

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